Hallo Renoize!
Wir sind Antifa Pinneberg – Antifaschistische Initiative Kreis Pinneberg,eine Antifaschistische Gruppe aus dem Norden von Deutschland und kommen aus dem Kreis Pinneberg. Eine Region von mehreren Vorstädten von Hamburg.
Wir sind schon seit weit mehr als 20 Jahren in der Region aktiv und begleiten seit Jahrzehnten auch internationale Proteste und Gedenkveranstaltungen für ermordete Antifaschist*innen.
Wir freuen uns sehr, dass wir mit euch sprechen können, auch wenn der Anlass wieder einmal ein sehr Trauriger ist…
Stellt euch doch gerne einmal vor!
Hallo an euch. Wir sind Genoss*innen aus Südrom, insbesondere aus dem seit 23 Jahren besetzten Raum Acrobax. Wir sind Aktivisten der sozialen Kämpfe in Italien und so weit wir können auch weltweit. Wir sind antisexistisch, antirassistisch und antifaschistisch (was die ersten beiden einschließt). Vor mittlerweile 20 Jahren ging unser Antifaschismus, durch den Mord an unseren jungen Genossen, Bruder und Freund unserer Gemeinschaft, Renato Biagetti, in Fleisch und Blut über. Seitdem hören wir nicht auf, Antifaschismus auch in seinem Gedenken zu praktizieren.
Am 27. August 2006 wurde Renato Biagetti ermordet. Wer war Renato Biagetti?
Renato Biagetti war ein 26-jähriger Junge, geboren und aufgewachsen in Südrom. Er hatte gerade erst die Ausbildung zum Toningenieur abgeschlossen. Genau wie sein älterer Bruder Dario, Aktivist bei Acrobax und Gründer der “All Reds Rugby Roma”, hatte Renato eine Leidenschaft für Musik, und deshalb ging er auch gern in die Stadtzentren, wo man ihn bei Konzerten und Techno-Partys immer „unter dem Subwoofer“ finden konnte.
Was ist am 27. August 2006 passiert?
In der Nacht vom 26. auf den 27. August 2006 geht Renato auf eine Reggae-Party am Strand der römischen Küste. Zwei sehr junge Neofaschisten mit keltischen Tätowierungen auf dem Arm und dem Hass im Herzen greifen ihn und andere Freunde an. Er stirbt an acht Messerstichen. Einer davon so heftig, dass der Griff des Messers Spuren an seinem Körper hinterlässt.
Es war eine Spätsommernacht am Meer, die voller Liebe, Musik und Lachen sein sollte…

Graffiti für Renato Biagetti im Kreis Pinneberg, August 2026
Wie reagierte die Polizei, Politik und die Presse auf den Mord?
Einer der beiden Angreifer ist der Sohn eines Carabinieri, und sofort sprachen Polizei und Presse von einer „Rauferei unter Halunken“ nach dem Verlassen der Feier.
Opfer und Täter werden auf die gleiche Ebene gestellt.
Es wird geschrieben, dass „die Politik damit nichts zu tun hat.“
In jener Zeit begann man, die Geschichte neu schreiben zu wollen und von Versöhnung zwischen Faschisten und Antifaschisten zu sprechen. Das geschah, weil neue rechtsextreme Kräfte den Weg in die Politik und die Institutionen eingeschlagen hatten, sich Anzug und Krawatte anzogen und versuchten, sich reinzuwaschen.
In Wirklichkeit waren die Jahre alles andere als friedlich. In Schulen, Universitäten und auf den Straßen bahnten sich die Neonazis weiterhin mit brutalen und äußerst gewalttätigen Angriffen ihren Weg.
Was waren eure (ersten) Reaktionen?
Nur wenige Monate zuvor hatten wir einen anderen Kameraden verloren, Antonio, der bei einem Arbeitsunfall gestorben war, und ganz Rom war mit Sprüchen gegen Instabilität und mangelnde soziale Absicherung, bedeckt: „Denn man stirbt eher an der Arbeit, wenn man in Unsicherheit und instabilen Zeiten lebt“.
Als Renato getötet wird, ist der Schmerz unerträglich gewesen, aber wir verstanden es trotzdem, dass wir nicht zulassen durften, dass sein brutaler Mord als Schlägerei unter Jugendlichen dargestellt wird. Sofort haben wir angeprangert, dass Renato, wie nur drei Jahre zuvor DAX, vorsätzlich von faschistischer Hand getötet wurde und dass wir keinerlei Gleichgültigkeit zwischen uns und ihnen, zwischen unseren sozialen Kämpfen und ihrer Gewalt, um der Gewalt willen akzeptieren werden.
Die erste große Demonstration zog genau über jenes römische Küstenstück, an dem die extreme Rechte versuchte, sich zu etablieren.
Seitdem kehren wir jedes Jahr am 27. August, eng um Mama Stefania und den von ihr gegründeten “Comitato di Madri antifasciste per Roma città aperta” (Ausschuss der antifaschistischen Mütter für Rom – offene Stadt), alle zusammen nach Focene an diesen Strand zurück, um an Renato zu erinnern, um das Recht zu bekräftigen, öffentliche Räume frei zu nutzen, ohne uns einschüchtern zu lassen, ohne je einen Schritt zurückzumachen.
In Acrobax ist ein Proben- und Aufnahmeraum im Namen von Renoize (Renatos Spitzname, als Musiker) entstanden: Hier wird Musik geteilt, gelehrt, ausprobiert und frei produziert.
Musik ist auch das Herz des Festivals, das seit mittlerweile 18 Jahren Renatos Träume zum Leben erweckt und ihm eine Seele gibt. Bei “Renoize” finden außerdem Begegnungen und Geschichten über Kämpfe und Widerstände statt, denen Gehör verschafft werden soll, sowie Shows, Poesie, Sport und Spiele – alles im einzigen unabhängigen antifaschistischen Festival in Rom, das vollständig aus eigener Finanzierung besteht und selbst verwaltet wird.
Was ist für dieses Jahr geplant?
Dieses Jahr ist das zwanzigste Jahr seit der Ermordung von Renato.
Renoize „Venti di Renato“ findet am 3. und 4. September im Acrobax, dem besetzten sozialen Raum im Süden von Rom statt, Dort werden Konzerte gespielt und alle Initiativen und Menschen werden dort im Camp unterkommen können. Am Morgen des 5. September findet die Veranstaltung “Free All Antifa” statt und am Nachmittag verlassen wir schließlich den besetzten Raum, um in einem Umzug durch die Straßen dieser Stadt zu ziehen, die Straßen des Widerstands seit 20 Jahren und seitdem eine rebellische und nie gezähmte Seele bewahrt. Eine Stadt, die uns im letzten Jahr riesige mobilisierte Wellen gegen den Genozid in Palästina beschert hat und massenhaft das „Alles blockieren“ praktiziert hat. Eine Stadt, in der jedoch, wie in vielen anderen Städten in Italien, Europa und der ganzen Welt, Spekulation und Gentrifizierung voranschreiten. Wo große private Kapitalisten immense Profite anhäufen, die sie dann für ihre Pläne zur Unterstützung von Kriegen und Kolonialismus ausgeben. Städte, in denen für Studierende oder Berufstätige die Lebenshaltungskosten immer unerträglicher werden. Wo Migrant*innen und neue Generationen zunehmend Repression und Polizei ausgesetzt sind, wo soziale Unsicherheit sich in Wut und Brutalität verwandelt, genährt von der Propaganda von Faschisten und Rassisten.
20 Jahre später wollen wir einmal mehr die Erinnerung und Praxis des Antifaschismus in den Mittelpunkt und auf die Straße tragen, uns als Subjekte, Altersgruppen und verschiedener Herkunftsländer zusammenfinden, auch wenn wir unterschiedlich sind, aber vereint durch den Wunsch, für eine Welt zu kämpfen, in der Faschismus schlichtweg keinen Platz hat.

Der Mord an Renato Biagetti ist nicht der einzige Mord in Rom/ Italien bei dem die Täter aus der extremen rechten Ecke kommen. Schon 1980 wurde Valerio Verbano, am 22. Februar in Rom von Faschisten ermordet. In Mailand wurde am 16. März 2003 Davide Cesare (Dax) ermordet.
Im März 2023, beim zwanzigjährigen Gedenken an Dax, wurde die Premiere von „Brucia Ancora Dentro“ vorgestellt.
Ein Film zu Davide Cesare und dass über Generationen übergreifende Gedenken an ihn. Über Valerio gibt es von Zerocalcare einen Comic. Zerocalcare ist auch in Deutschland den Leuten ein Begriff u.a. durch die Comics zu Kurdistan/Rojava und durch die „Free all Antifa“ Kampagne im Zuge der Repression gegen die Genoss*innen im Budapest-Komplex und dem Comic zu Maja. Gibt es zu Renato Biagetti auch solche ansetze des Gedenken, ein Comic, Buch oder Film?
Kurz nach dem Tod von Renato, gerade um die Gewalt eines neuen Faschismus anzuprangern, der sich sauber und postfaschistisch präsentierte, haben wir eine Untersuchung erstellt, die über 88 gewalttätige Angriffe durch Faschisten dokumentierte. Zerocalcare, den ihr kennengelernt habt, war von Anfang an immer bei uns, und zusammen mit Errepush hat er zuerst einen Comic mit dem Titel „Die Politik hat nichts damit zu tun“ und dann „Nächste Haltestelle“, veröffentlicht bei Kairos, eine Sammlung von Comics und Beiträgen, die ein Stück dieser Geschichten und antifaschistischen Beziehungen umfasst, von denen wir oben gesprochen haben.
Außerdem haben die Genoss*innen von Dax, auch als Zeugnis der Verbindung, die uns von Anfang an vereint, dank der für „Brucia ancora dentro“ geführten Interviews ein Dokumentarvideo mit dem Titel „Venti di Renato“ erstellt, das seine Geschichte und diese 20 Jahre Initiativen zu seinem Gedenken und zur Aufrechterhaltung des antifaschistischen Engagements erzählt.
Dieses Jahr wurde schließlich auch offiziell während des Radio Onda d’Urto Festivals in Brescia das neue Buch von cronache ribelli und antifanzine „Storie per Renato“ vorgestellt, mit zahlreichen Beiträgen, die diese 20 Jahre Erinnerung und Widerstand verweben.
Die Website ionondimentico.noblogs.org wurde erneuert und beherbergt das Programm und die Beiträge dieser wichtigen Ausgabe.
Valerio Verbano, Davide Cesare und Renato Biagetti sind ja nicht die einzigen Menschen die von extrem Rechten, Neonazis, Faschisten ermordet wurden, weder in Italien noch in Europa oder darüber hinaus.
In Deutschland gibt es weit über 200 Tote durch rechte Gewalt seit 1990.
Steht ihr im Austausch mit weiteren Initiativen die sich für das Gedenken einsetzen, z.B. an Carlos Palomino in Madrid oder an Clément Méric in Paris?
In Italien war der Antifaschismus schon immer ein gemeinsamer Boden für die unterschiedlichsten Seelen der Bewegung, auch wenn man sich viel zu oft in allen anderen Fragen unterscheidet. Wir sind alle mit der Erinnerung an Valerio Verbano aufgewachsen, genauso wie wir uns von Anfang an mit den Genoss*innen in Mailand nach der Ermordung von Dax zusammengeschlossen haben und in den folgenden Jahren.
Rosa, Davides Mutter, ist eng verbunden mit Stefania, der Mutter von Renato, und kommt jedes Jahr nach Rom für Renoize. Eine emotionale Verbindung, die Heidi Giuliani, die Mutter von Carlo Giuliani, oder Lino, der Vater von Federico Aldovrandi, umfasst. Auch mit den “Müttern für Rom, offene Stadt”, sind wir oft nach Paris für Clement gefahren, genauso wie nach Mexiko oder Palästina. Der Antifaschismus hat tiefe Wurzeln und reicht über alle Grenzen hinaus, da er von Natur aus solidarisch und internationalistisch ist. Schließlich ist es für uns wirklich wichtig, dass während der Renoize-Tage die erste Versammlung die Kampagne “Free All Antifas” eröffnet. Für die internationale antifaschistische Solidarität, die für uns schon immer ein sehr mächtiges Selbstverteidigungsinstrument ist, ein wichtiger Beitrag!
Es gibt weltweit einen Zulauf an extrem rechten Strömungen, Gruppen und Parteien. Auch vor Italien macht dieses Phänomen keinen Halt und man findet es auch in der aktuellen Regierung wieder. Was ist für euch in Italien oder speziell in Rom die größte Herausforderung aktuell?
In diesem Jahr, in dem wir gerade auch den 25. Jahrestag der Mobilisierungen nach Genua 2001 gegen den Gipfel der westlichen Großmächte des G8 erinnert haben und nach den enormen, aber immer noch unzureichenden Mobilisierungen gegen den Völkermord und die Besatzungsbesiedlung in Palästina, erscheint es uns immer offenkundiger, dass die Herausforderungen, denen wir in unseren Gebieten gegenüberstehen, globale Herausforderungen sind. Überall und vor allem in den sogenannten (Sozial)Demokratien in der Krise, treten autoritäre und nationalistische Kräfte auf, die anti-migrantische Rhetorik schwingen, um die völlige Unterwerfung angesichts der Übermacht privater Finanzgiganten zu verschleiern versuchen. Es werden Sozialleistungen und Löhne gekürzt, es gibt keine Perspektive oder Visionen für eine ökologisch und sozial nachhaltige Zukunft, man schaut stattdessen nur auf Aufrüstung und Krieg als Mittel der Kolonisierung und Eroberung. Diese Herausforderungen verbinden die jungen Generationen, von den dienstpflichtigen Deutschen bis hin zu denen in Indien, die sich in der “Bewegung der Kakerlaken” zusammenschließen, oder in Korea mit den Mobilisierungen der “GenZ.” Deshalb wollen wir in diesem Jahr versuchen, gemeinsam während Renoize eine Reise zu machen, bei der wir über vier R nachdenken: Erinnern, Sich erkennen, Widerstehen und Von Neuem starten. (4 R: Ricordare, Riconoscersi, Resistere e Ripartire.)
Was wünscht ihr euch für das diesjährige Gedenken an Renato und gib es einen Unterschied zu den anderen Jahrestagen?
Dieses Jahr, nachdem wir uns unter die Mitstreiter*innen aus der ganzen Welt auf den Booten der Global Sumud Flottille Richtung Gaza gemischt haben, würden wir gerne daran arbeiten, eine internationalere Teilnahme zu ermöglichen. Also danke euch für diese Gelegenheit der gebenden Worte. Wir hoffen, dass ihr am Festival und am Zeltlager bei Acrobax teilnehmen könnt, wo wir euch unterbringen können.
Wie können wir, die weder aus Rom, noch aus Italien kommen, an Renato bei uns zuhause erinnern?
Es ist auf jeden Fall möglich, Comics, Texte und die Dokumentation auch außerhalb Italiens zu teilen und damit zu arbeiten, Geschichten und Erinnerungsfäden zu verknüpfen, um eine gemeinsame Sprache und damit einen gemeinsamen Raum der Mobilisierung für alle Antifas zu schaffen.
Wir freuen uns euch im September zu besuchen, da wir fest daran glauben, rechte Gewalt und Repression gegen linke Bewegungen haben auf der Welt unterschiedliche Stufen und Ausprägungen und brauchen so auch unterschiedliche Antworten.
Der direkte Austausch dient dazu voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, und uns Mut für alles komende zuzusprechen!
Herzlichen Dank für das Interview – Wir sehen uns im September in Ostiense/Rom – Antifaschistische Grüße aus dem Kreis Pinneberg.
Gibt es noch etwas was Ihr sagen möchtet?
Gerade heute, während wir schreiben (16. August), wurde ein palästinensischer Freund von uns nach 3 Jahren und 7 Monaten administrativer Haft aus israelischen Gefängnissen freigelassen, also ohne Anklage und ohne Prozess. Bilal ist schon oft nach Italien gekommen und besonders nach Renoize, so wie wir schon viele Male und seit vielen Jahren ins Flüchtlingslager Aida gegangen sind, wo noch immer ein Wandbild von Renato hängt und wo Bilal heute endlich zurückkehren konnte. Mit dem Bewusstsein, dass der Kampf für diejenigen, die noch in Gefängnissen sind und unter Besatzung leben, weitergeht, feiern wir heute ein Stück wiedergewonnene Freiheit.

Wandbild von 2015 für Renato im Flüchtlingslager Aida bei Bethlehem